Sandra Haussmann

Sandra Haussmann, geboren am 19. Mai 1970, ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und Kind in einem beschaulichen Dorf in Bayern. Sie studierte an der Fachhochschule in München Feinwerktechnik und arbeitete 20 Jahre als Diplom-Ingenieurin in einer von der Technik dominierten, durchgetakteten und stark hierarchischen Welt aus Besprechungen, Planstellen, Organigrammen … 

Es störte sie zunehmend, dass ihre künstlerische Ader in dieser Zeit brach lag, bis sie entschloss, das endlich zu ändern. Deshalb absolvierte sie ab 2008 ein dreijähriges Fernstudium an der Schule-des-Schreibens. In dieser lernintensiven Zeit rüstete sie den Werkzeugkasten ihrer Kreativität mit den Hilfsmitteln für das literarische Schreiben aus, lernte spannende Plots zu entwickeln, glaubhafte Figuren zu entwerfen und deren Handeln dem Leser ans Herz zu legen.

Sie selbst sagt dazu: „Seit meiner Jugendzeit möchte ich Bücher schreiben. Durch das Fernstudium habe ich die Grundregeln des literarischen Schreibens kennengelernt und möchte nun endlich die Geschichten erzählen, die mir schon jahrelang im Kopf umhergehen. Ich will meine Figuren lebendig werden lassen in der Welt, die ich für sie ersonnen habe. Will sie auf Reisen in ihr eigenes Ich schicken, ihre Entwicklung begleiten und ihnen dabei zusehen, wie sie zu anderen, besseren und zufriedenen Menschen werden.“ 

Seit 2015 ist sie Autorin in Vollzeit. Ihre Geschichten sind in der realen Welt angesiedelt, ihre durchaus untypischen Charaktere sind „aus Fleisch und Blut“ und werden während des Lesens zu Bekannten oder gar Freunden, denen der Leser wünscht, dass sie aus ihrem jeweiligen Dilemma herausfinden und sich zu glücklichen und zufriedenen Menschen entwickeln. Und Sandra Haussmann hilft ihnen dabei.

Auf die Frage zu ihrer Veränderung antwortet Sandra Haussmann mit den Worten: Ich werde häufig gefragt, wie ich darauf gekommen bin, beruflich etwas völlig Neues zu beginnen und warum ich Bücher schreiben möchte. Genau diese Frage wurde uns auch bei der Schule-des-Schreibens im Rahmen unserer ersten Studienarbeit gestellt. Ich möchte euch, liebe Leser, zu dieser Kurzgeschichte einladen, in der ich die Beweggründe für meine Entscheidung liefere – deshalb, weil eine Geschichte immer mehr erzählt als irgendeine Auflistung von Lebensereignissen in Form einer Vita das könnte.“

Warum ich schreiben lernen wollte - Kurzgeschichte

Das Telefon klingelte.

„Frau Haussmann, würden Sie mir bitte die aktuelle Oppty-Liste von Dassault Systems zumailen. Wir müssen heute Nachmittag noch die ALC-Abrechnung unserer VAR-Kunden durchgehen.“

Kaum hatte ich aufgelegt, läutete es erneut. Der Vertriebsleiter lud mich zu einer Besprechung, zu der ich die Verkaufszahlen des letzten Quartals doch bitte gleich mitbringen sollte. Seufzend lehnte ich mich in meinen Stuhl zurück. Ich hatte noch so viel zu erledigen – das würde wieder ein langer Abend werden.

Als ich vom letzten Meeting zurückkam, begann es bereits zu dämmern. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und sah aus dem Fenster. Der wolkenlose Himmel über der Stadt färbte sich von Gelblich-orange über Violett-rot und die Gebirgskette der Alpen war in der Ferne nur noch als Silhouette zu erkennen. Der Anblick fesselte mich jedes Mal. Ich hatte schon großes Glück mit meinem Arbeitsplatz, das wusste ich. Die Arbeit machte mir auch Spaß, dennoch fühlte ich eine Leere in mir, die ich mir nicht erklären konnte.

Die ersten Kollegen gingen nach Hause. Ein freundliches „Schöner Feierabend“ oder ein „Bis morgen“ wurde mir zugerufen und ich winkte zurück. Langsam kehrte Ruhe im Büro ein: Die Telefone hörten auf, unablässig zu klingeln und das Tippen auf den Tastaturen wurde weniger.

Mein Blick fiel auf ein Buch, das seitlich auf meinem Schreibtisch lag. Das Buch war zu dieser Zeit mein ständiger Begleiter. Ich las darin in der Mittagspause, abends auf dem Sofa, vor dem Einschlafen im Bett und zu jeder freien Minute. Es hieß „Die Glasbücher der Traumfresser“ von Gordon Dahlquist.

Ach, wie ich die Autoren beneidete! Während ich hier zwischen Tabellen und Listen in einem für Nichteingeweihte unverständlichen Fachjargon gefangen war, konnte ein Autor seiner Fantasie und seiner Sprache freien Lauf lassen. Er hauchte seinen Personen Leben ein, bestimmte deren Handlung, kurz: ließ seine Ideen Wirklichkeit werden. Und das mit schönen Worten!

Inzwischen waren alle meine Kollegen gegangen und ich saß alleine im Büro. Während ich auf einem Stift herumkaute, kam mir ein Gedanke. Warum sollte ich nicht auch schreiben können? Sofort begann ich, diese Idee gedanklich auszubauen. Das Handwerk dazu musste doch erlernbar sein! Ideen hatte ich schon immer viele gehabt, aber es war bislang an der Umsetzung gescheitert. Es musste doch etwas geben, ein Buch vielleicht, oder Kurse, in denen ich die Grundlagen des Schreibens erlernen konnte. Beflügelt von der neuen Idee, machte ich mich sofort an die Internetrecherche. Ich gab in Google die einfachen Worte ein: „Ich möchte schreiben lernen“.

Gespannt wartete ich auf die Ergebnisse, was das Web für mich zu bieten hatte. „Schule-des-Schreibens“ war der erste Treffer. Las sich ganz interessant, aber ich ignorierte diese Anzeige – ich wollte schließlich nicht in eine Schule gehen. Ich suchte weiter, allerdings konnte mich kein weiterer Artikel wirklich überzeugen. Erneut kam ich auf den ersten Beitrag zurück: „Schule-des-Schreibens“.

Nachdem ich die Seite mehrmals überflogen hatte, lehnte ich mich zurück und schaute auf die hellerleuchtete Stadt.

Ich sah vor meinem inneren Auge ein Bild von mir auf der Buchrückseite eines Bestsellers, sah, wie entspannt und weltmännisch ich in die Kamera lächelte und musste bei diesem Gedanken schmunzeln. Nein, ich verwarf die Ideen wieder, richtete mich im Stuhl auf und begann meinen Schreibtisch aufzuräumen. Es wurde schließlich langsam Zeit für den Heimweg. Ich hatte keine Zeit, irgendwelchen Tagträumen nachzuhängen! Hastig sortierte ich die Kundenlisten und packte meine Tasche.

Ich nahm das Buch in die Hand und wollte es gerade in die Tasche stecken, als ich plötzlich innehielt. Da stand ich, mit dem Buch in der Hand und zögerte. Warum nur? Warum traute ich es mir nicht zu, zu schreiben? War es nicht das, was ich insgeheim immer gewollt hatte? Hatte ich nicht schon immer Menschen unterhalten, mehr noch, verzaubern, Leser zum Weinen und zum Lachen bringen wollen? Hatte ich mir etwa nicht immer vorgestellt, wie es wäre, Leser in eine andere Welt entführen zu können, sie dabei gleichermaßen zu unterhalten und sie von ihren alltäglichen Sorgen und Nöten abzulenken. Helden zu schaffen, die Abenteuer erlebten, solche, die man selbst im wirklichen Leben nie erleben möchte. Mit der „Schule-des-Schreibens“ hatte ich doch genau die Möglichkeit gefunden, das zu lernen. Was hielt mich zurück? War es die Angst zu versagen, nicht dranzubleiben, es nicht zu schaffen?

Ich ließ langsam meine Tasche sinken und setzte mich wieder. Der Computer lief noch. Die Internetseite der Schreibschule war immer noch geöffnet. Erneut scrollte ich durch die Seite, diesmal langsamer und mit Bedacht, und las jeden einzelnen Beitrag genau durch. Die Zeit verstrich und ich merkte kaum, wie es immer später und später wurde. Ich war gefangen! Gefangen von der ebenso aufregenden wie verrückten Idee, Schreiben zu lernen. Aber war denn diese Idee wirklich so verrückt? Damit könnte ich einen kreativen Ausgleich zu meinem sehr technischen Beruf schaffen. Ich könnte meinem Leben eine neue Richtung geben. Der Gedanke kam mir plötzlich gar nicht mehr so abwegig vor. Was hatte ich schon zu verlieren?

Ich sah aus dem Fenster, aber anstelle der Stadt oder der Berge sah in nun mein eigenes Gesicht, das sich in der Fensterscheibe spiegelte. Ich schaute mich lange an. Mit einem Mal bemerkte ich ein Funkeln in meinen Augen und wusste, ich hatte den Entschluss schon gefasst. Ich würde es wagen! Ich würde schreiben lernen. Ich wollte, dass all meine Träume und Vorstellungen endlich wahr werden.

Mit neuem Elan packte ich meine Sachen zusammen, warf mir die Jacke über die Schulter und lief aus dem Büro. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause, um meiner Familie von meinem Entschluss zu berichten.

Während ich im Auto saß und mich kaum auf den Verkehr konzentrierte, schossen mir schon die ersten Ideen kreuz und quer durch den Kopf. Ich spann Intrigen, ersann Eifersuchtsszenen und ließ meine Helden schon die mutigsten Taten vollbringen.

Plötzlich machte ich eine Vollbremsung und erntete dafür ein verärgertes Hupen meines Hintermannes. Siedend heiß war mir eingefallen, dass ich vergessen hatte, meinen Rechner im Büro herunterzufahren. Es war immer noch die eine Seite geöffnet: „Schule-des-Schreibens“.